Abschluss

Ein großes Loch klafft zwischen meinem letzten Eintrag und heute. Gestern bin ich nach drei Monaten in Chile, einem der schönsten Länder der Welt, wieder zurück gekommen. Um dem Einrosten vorzubeugen und die mühselig abgeworfenen Pfunde nicht wieder anzuheften, bin ich heute ein erstes Mal meine alte Vorbereitungsstrecke gelaufen und bin froh, wieder bei meiner Familie in Berlin zu sein.

Das nach dem Ende des Laufes durch dieses Land Funkstille herrschte, hing nicht mit dem Erdbeben zusammen, sondern ist rein privater Natur und gehört deshalb nicht in diesen Blog.

Im Prinzip ist der letzte Monat so verlaufen, wie ich es bereits angekündigt habe. Um das Land und seine Leute auf eine andere Art kennenzulernen, habe ich mich unweit von Santiago in Zúñiga / San Vicente Tagua Tagua in der 6. Region niedergelassen und von dort die Gegend erkundet. Es gibt kaum einen Ort im Umkreis von 200 Kilometer, den ich nicht gehend, skatend oder per Rad besuchte. Da ich weiterhin mit meinen Rollern unterwegs war, wurde ich bald bekannt wie ein bunter Hund. Als Gringo wird man sowieso ständig angestarrt, doch als Batinero = stöckeschwingender Rollerfahrer war ich der absolute Exot. Kinder wollten mich und meine Schuhe ständig anfassen. Die Taxifahrer fragten mich, wenn ich mal einfach nur gehend unterwegs war, wo denn meine Inliner wären. Ab und zu auch per Tandem unterwegs, wurde ich zur örtlichen Sehenswürdigkeit.

Neben der Erkundung dieser sehr konservativen, von Land-/,Forstwirtschaft und Weinanbau geprägten Umgebung, die zum Teil trotz Erdbeben ältere Gebäude im Kolonialstil beheimatet, war ich in vielen Museen sowie im chilenischen Filmarchiv von Santiago , um mich mit den Auswirkungen und der Zeit nach dem Militärputsch von 1973 bis 1990 zu beschäftigen und hatte das Glück, auch immer wieder auf Leute zu treffen, die mit der Filmerei zu tun haben.

Ob sich daraus Stoff für einen Dokumentarfilm ergibt, wird sich in der Zukunft zeigen. Unabhängig davon gibt es soviel, was in diesem Land anders tickt und deshalb Anlass zum Nachdenken gibt.

Man wollte mich nicht nach Deutschland zurückfahren lassen, ohne Valparaiso gesehen zu haben. Es hat sich gelohnt. Mit Rodrigo und Sebastian hatten wir einen wunderschönen Tag  am Meer. Hier fand ich eine eigenartige Stadt, die durch internatioxnale Zuwanderung eine besondere Note hat und  endlich die Architekturvielfalt, die ich andernorts vermisste.

Meine Freunde in Santiago hatten mich in Chiloè  gefragt, was das Kreuz sei, dass ich auf meiner Reise durch Chile tragen würde. Darauf habe ich so schnell nicht antworten können. Später ist mir einiges dazu eingefallen. Ein Punkt aber, der für mich nach diesen drei Monaten bleibt, ist, mit mehr Dankbarkeit, die Dinge anzunehmen, die für uns so selbstverständlich sind und sich weniger Gedanken über das Morgen zu machen, sondern viel mehr Freude am Heute zu haben. An die chilenische Unpünktlichkeit werde ich mich jedoch wohl kaum gewöhnen können.

Meine  Kamera, die sich als wirklich handliches Filmwerkzeug bewiesen hat, ist mir am allerletzten Tag kaputt gegangen. In Isla de la Negra im  wunderschönen Haus des Schrifstellers Pablo Neruda ist sie mir aus der Hand gerutscht. Gott sei Dank ist den Bildern nichts passiert.

Ich will mir das Material  noch einmal in Ruhe anschauen und daraus die schönsten Fotos in einem Dia-Vortrag zusammenstellen. Mal sehen, was daraus wird. Sobald ich die Zeit gefunden habe um etwas zu zeigen, melde ich mich ein letztes Mal auf diesem Blog, der damit sein Ende findet.

Ich bedanke mich bei denen, die mir gedanklich, per Mail, Chat oder Skype die Treue gehalten haben sowie bei allen, die hier mitgelesen haben.

Nach einigen Kilometern in den Beinen bleibt mir nur ein letzter Rat.

Verlernt das Laufen nicht!

Wege sind manchmal kürzer als man annimmt. Die Welt in einer anderen Geschwindigkeit wahrzunehmen, lässt  aus der Zeit, die man scheinbar verliert, Zeit und Ruhe zum Nachdenken entstehen und gesünder ist es allemal.

Liebe Grüße

Ralf 100M

Gut geschüttelt

Es ist kurz nach acht, ich sitze im Dunkeln von Zuñiga und nutze die Zeit, endlich wieder einmal einen Artikel hinzuzufügen.

Erdbeben kennen sicher die Wenigsten. In Deutschland kommt das Thema höchstens im Zusammenhang mit der Sicherheit von Kernreaktoren auf. Doch für Chile ist es ein allgegenwärtiges Problem. Fast alle Chilenen, mit denen ich gesprochen habe, sind in irgendeiner Form davon betroffen. Die meisten berichten, dass ihr Haus oder das der Eltern oder Großeltern einmal eingestürzt sei.

Wenn man sich vorstellt, dass eine Familie lange und mühselig für den Hausbau spart, sich meist hoch verschuldet, oft über Jahre hinweg den Bau meistert, damit dann irgendwann nach 20 Jahren das ganze Heim zusammenstürzt, ist das ein ziemliches Trauerspiel. Doch genau das ist es, was alle 20 bis 25 Jahre in diesem Land passiert. Deswegen ist die Anzahl von alten Baumwerken auch ziemlich überschaubar. Viele koloniale Kirchen verkommen als halbverfallene Ruinen, da es an Geld für den Wiederaufbau mangelt.

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Von meinem ersten Beben“erlebnis“ bzw. Nichterleben hatte ich glaube ich schon berichtet, als ich vom Laufen zurückkam und gefragt wurde, ob ich das Beben nicht gespürt hätte. Vor zwei Tagen erlebte ich dann am eigenen Leibe, wie es sich anfühlt, wenn die Erde bebt. Gegen halb vier am Morgen, bin ich wach geworden, weil das Bett hin und her rüttelte. Ich bin dann sofort wieder eingeschlafen und hätte es wahrscheinlich wieder vergessen, wenn mich nicht einer der Mitbewohner daran erinnert hätte.

So ein paar Gedanken macht man sich danach schon, wie man sich in einer solchen Situation verhält.

Vor zwei Stunden aber, als ich in meinem Zimmer las, fing plötzlich das ganze Haus an zu wackeln.
Es war nicht nur ein Vibrieren, sondern ein bedrohliches Wackeln über mehrere Minuten. Das Licht fing an zu flackern und ging dann ganz aus. Das Haus wurde immer weiter durchgeschüttelt, die Lampen pendelten durch die Luft, Türen knallten gespenstisch auf und zu. Ich hab nur immer zur Decke und zu den Wänden geschaut, um zu sehen, ob die halten. Es war beängstigend. Da das letzte schlimme Beben jedoch erst vor zwei Jahren stattfand, war die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass das nächste Chaos im Anmarsch war.
Weil das Beben so stark und der Weg aus dem Haus zu weit war, beließ ich es beim Beobachten und Ausharren, in der Hoffnung, dass der Spuk bald vorüber sei.

Als dann alles überstanden war, klopften die Hauseigentümer an meine Tür, erstaunt darüber, dass der bebenunerfahrene Deutsche ganz „cool“ im Zimmer geblieben ist. Wir haben dann geklärt, dass man üblicherweise das Haus verlässt und eine freie Fläche sucht, da auch Bäume sehr schnell umfallen können. Spiegelbericht zum Erdbeben

In diesem Sinne eine gute und ungestörte Nacht nach Deutschland mit der Gewissheit, dass es diese Form von Naturgewalten dort nicht gibt.

Bis an’s Ende der Welt ?,

hätte es es es vielleicht gehen können, theoretisch. Wie für viele andere auch wäre Usheia, der südlichste Zipfel Amerikas ein möglicher Endpunkt gewesen. Zwischendurch sah es auch einmal so aus, angestachelt von den an mir vorbei brausenden Radfahrern, die von einem Punkt der Erde zum anderen jagen. Doch wenn auch das Laufen schon eine ganz andere Geschwindigkeit bietet, um das Land besser wahrzunehmen, reicht es dennoch nicht aus, es kennen zu lernen, wenn man immer nur läuft und schläft, wieder läuft und weiterzieht. Deshalb bin ich nun nach knapp 2 Monaten und ca. 2.000 km Fußmarsch am Ende meines Laufes in den Süden Chiles und am Anfang einer anderen Form des Kennenlernens angekommen.

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Nachdem ich weit durch Patagonien gelaufen bin und diesen Teil des Landes klar als meinen Favoriten erklärt habe, bin ich von Balmaceda in die Zentralregion zurück geflogen. Es war ein seltsames Gefühl, mit dem Flugzeug in nur 3 Stunden die gesamte Strecke zurück zu legen, die in der langen Zeit davor meinen Weg bestimmt hat. Traurigkeit und Stolz zugleich bestimmten diesen Moment.

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Wieder einmal hatte ich Glück,da ich auf meiner Rückreise, zwei junge Radfahrer, zwei junge chilenische Dokumentarfilmer, traf, die per Fahrrad von einem Schauplatz zum nächsten fuhren, um von den umstrittenen Staudammbauten in der Region zu berichten. Obwohl noch jung an Jahren, haben mir die beiden den umfassendsten Geschichtsunterricht in so kurzer Zeit gegeben und so konnte erst gar kein Gefühl von Melancholie bei diesem Aufbruch entstehen.

Als Gringo, also Nicht-Latino, was in diesem Land durchaus nicht abwertend gemeint ist, fällt man gezwungenermaßen immer auf und so werde ich oft angesprochen. Nach den üblichen Fragen, was ich mache, wohin ich reise usw., kommt natürlich auch immer die Frage nach der anderen Person und sehr oft kann ich dann sagen, hej das kenne ich, da bin ich doch vorbeigelaufen, das ist doch an der und der Stelle wo…

So kenne ich also den südlichenTeil Chiles bis nach Patagonien hin und von da werde ich bei meiner nächsten Reise den Weg südwärts fortsetzen. Wie das sein wird, wird man sehen, doch dass ich nach Chile zurückkehren werde und es weitergehen wird, dessen bin ich mir sehr sicher.

Die verbleibenden Wochen bis zu meinem Abflug werde ich nutzen, um den zahlreichen Einladungen der Menschen nach zu kommen, denen ich auf meiner Reise begegnet bin und um in einer neuen Form mit einem anderen Alttag in dieses Land einzutauchen.

Vorerst bin ich in Zúñiga gelandet, einem Ort, der nur ca. 6 km Luftlinie von Coltauco entfernt ist, in dem meine „verrückten drei Bäckerfreunde“ leben, denen ich am Anfang meiner Reise begegnet bin. Nur 6 Kilometer Luftlinie, dazwischen ein Fluss, viele andere Rinnsale, Sumpf,Dickicht und Berge. Der erste Versuch den Pass nach Coltauco zu finden, ist nach stundenlangem Suchen, Verirren und nassen Füßen kläglich gescheitert.

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Zúñiga liegt ca. 200 km südlich von Santiago in der 7. Region und so ist Santiago als Anlaufpunkt sehr schnell zu erreichen. Dort gibt es viele Museen und auch das historische Filmarchiv, dass ich mir unbedingt und sehr ausführlich anschauen werde. Auch kann man von hier andere Städte wie zum Beispiel Valparaiso leicht erreichen.

Das ich mich jetzt erst einmal fest einquartiert habe,heißt aber nicht gleichzeitig, dass ich mit dem Laufen aufgehört habe. Im Gegenteil, da in dieser Gegend viele Straßen asphaltiert sind, es trotz der umliegenden Berge hier relativ flach ist, kann ich wieder viel mit den Patines, den Powerslides laufen. So rolle ich zum Einkaufen insgesamt ca. 30 km nach San Vicente TaquaTaqua oder ins Hinterland bis dann irgendwann der Asphalt aufhört oder bewältige einfach all die Strecken, die man sonst per Bus oder Taxi hier absolviert, wie gewohnt zu Fuß.

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Copatriotas und andere Artgenossen

Seit der Ankunft in Chaiten sind mir einige Landsmänner (Frauen waren nicht dabei) und Artgenossen begegnet. Vor allem Fahrradfahrer, die vom Süden in den Norden ziehen.

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Julian, der seit Monaten unterwegs , in Salt Lake City gestartet, dann von Mexico City nach Usheia geflogen ist, sich nun stetig und recht schnell nach Norden bewegt.
Da er aus der anderen Richtung kam, konnte er mir genau sagen, wo es Brot oder Käse gibt und das hat dann prima funktioniert.

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Danke Julian.

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Michu und Stefan, zwei Schweizer, die ihm dicht auf den Fersen sind.

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Bernhard und Pablo, zwei Deutsche, Vater und Sohn aus Temuco,die ich auf der Überfahrt von Castro kennenlernte und die mir nach ihrer Urlaubstour wieder entgegen kamen.

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Ja und Wolfram, ein 74-jähriger, der seit 48 Jahren zum Fischen nach Argentinien kommt. Diesmal hat es ihn das erste Mal nach Chile verschlagen. Abenteuer pur, da er wegen der Blockaden nicht aus Coyhaique herauskam, bis ihn die Polizei persönlich an den Fluss fuhr. So steht er nun die nächsten Tage stundenlang im Wasser, ein paar Brocken Spanisch im Kopf, damit er weiß, was er sagen muss, wenn er nicht mehr kann. Das Wort Ischias fiel ihm dann doch noch auch auf deutsch ein, nachdem er es in allen möglichen Sprachen parat hatte. Ein toller Typ, der schön laut und schief singen kann. Man beachte die Unterhosen, links oben an der Gardinenstange. Das war ihm wichtig als wir das Foto gemacht haben, wegen der Romantik …

Geburtstag, Bergfest, Politik, Patagonien und viele Fotos

Bergest könnte man eigentlich täglich feiern, bei den vielen Anstiegen in den Bergen, doch ist die Hälfte der Reisezeit um, – ein Grund zu feiern? Am Anfang verging die Zeit sehr langsam, doch mit der täglichen Routine verrennt sie jetzt umso schneller, nun also ist Halbzeit.

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Vor drei Tagen hatte ich Geburtstag und zur „Feier des Tages“ meinen Bart gestutzt, um wieder etwas zivilisierter und vielleicht auch jünger auszusehen. Ich habe mir an dem Tag vor dem Aufbruch Zeit genommen, mit meiner Familie und Freunden zu telefonieren, weil ich Internetzugang hatte und mich über viele Geburtstagsmails gefreut. Der Rest des Tages fiel sprichwörtlich in’s Wasser, da es wie aus Kübeln goss und das auch noch auf einer schwierigen sehr steilen Passstraße. Da auch der Dauerregen mittlerweile Normalität geworden ist, hat mich das nicht weiter gestört. Auch in den folgenden Tagen bin ich oft in leichten oder schweren Regen geraten, doch langsam kam gelegentlich auch die Sonne raus und heute wurde ich mit einem ganzen Sonnentag belohnt.

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In meinem letzten Eintrag beschrieb ich, wie sehr sich die Natur geändert hatte, wie sehr mich das beeindruckt hat und nun bin ich wieder in eine neue Umgebung gelaufen, die mich noch mehr begeistert. In den ersten Tagen nach Chaiten war ich von hohen Bergen umgeben, bin an Gletschern vorbeigelaufen, war auf der Straße aber immer mitten drin, umgeben von Wald und Bergen. Seit zwei Tagen allerdings ist die Landschaft förmlich aufgerissen und alles wirkt viel, viel weiter, fast majestätisch aus der Ferne. Nach ca. 150 km Schotter- und Sandpiste zieht sich eine Asphaltpiste durch’s kaum befahrene Land. In der Ferne sieht man schneebedeckte Bergkuppen, links und rechts die Weideflächen der Bauern mit Schaf- und Rinderzucht, selten eine Behausung und manchmal einen wortkargen Reiter.

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Es ist einsam, doch wunderschön in Patagonien. Das wäre ein Platz zum Leben, wenn es nicht so viele Tage im Jahr regnen würde. Im Winter gibt es bis zu 70 cm Schnee, wie mir ein Viehzüchter erzählte. Der meinte auch, dass der viele Regen nicht normal wäre und wahrscheinlich dem Klimawechsel anzulasten sei. Wie auch immer, ob im Regen oder Schnee, es ist der schönste Fleck von Chile, den ich bisher gesehen habe. Nachmittags bläst zwar oft ein heftiger Wind, so dass es bei der Lauferei und dem damit verbundenen Schwitzen auch ganz schön kalt werden kann. Gott sei Dank gab es bisher abends dann aber fast immer eine heiße Dusche und trockne Kleider.

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Die Anstiege und Abfahrten sind nach wie vor schlecht einzuschätzen. Gestern habe ich mich bei den Carabinieris nach dem Streckenprofil erkundigt.
Alles plano = gerade kein Problem war deren Einschätzung. Mittlerweile bin ich skeptischer geworden, was Kilometerangaben und Streckenbeschreibungen der Einheimischen angeht. Andererseits sollte man den Leuten und erst recht der Polizei Vertrauen schenken. So hab ich dann, nachdem ich endlich mal wieder ordentlichen Asphalt unter den Füßen hatte, die Räder untergeschnallt und mein Glück versucht. Nach nur 30 Minuten ging es so steil bergab, dass nur noch die klassische Notbremse griff. Auch diesmal bin ich mit dem Schrecken davon gekommen und hab mir nichts getan. Bei meiner nächsten Reise mit Powerslides und Pulka brauche ich unbedingt Bremsen an meinem carrito, um das Gewicht besser abzufangen. Vielleicht bringt mir aber auch jemand bis dahin bei, wie man völlig entspannt die Berge durch die Kurven runtersaust, um dann, falls mal ein Hindernis auftaucht, eine elegante und schmerzfreie Vollbremsung hinzulegen.
Um kein „mentales Sturztrauma“ aufkommen zu lassen, bin ich aber heute wieder gerollt und es hat sehr viel Spaß gemacht in dieser wundervollen Landschaft, bis dann der Asphalt aufhörte.

Dieser Blog soll ja eigentlich von der Reise berichten und hatte deshalb bisher keinen Platz für Politik, auch wenn es mich seit geraumer Zeit in den Fingern juckt, da es einiges an interessanten Themen gibt, ob dass die Ausbildung, das Gesundheitswesen, die Geschichte Chiles mit und nach Pinochet oder den Konflikt mit dem Mapuchi, den Ureinwohnern Chiles, betrifft. Doch aus gegebenen Anlass, soll hier doch zumindest kurz, ein im wahrsten Sinne des Wortes brandaktuelles Thema, angerissen werden. Die Region Aysen brennt auf allen Straßen! Seit einigen Wochen sind Ein- und Ausfahrten an den Ortschaften und Straßenkreuzungen komplett oder zeitweise gesperrt. Die Gewerkschaften haben zum Streik aufgerufen, die Blockaden haben den öffentlichen Verkehr zum Erliegen gebracht, es gibt kaum noch Benzin, die Geschäfte werden immer leerer, weil kein Nachschub durchkommt. Die Stimmung ist angespannt, mancherorts auch sehr gereizt, teilweise kommt es zu Straßenschlachten mit der Polizei. Auch in Santiago gibt es erste Proteste und Scharmützel. Die Bevölkerung unterstützt zwar das Anliegen der Protestler, leidet jedoch selbst am meisten unter den Auswirkungen. Die Touristen bleiben jetzt schon aus. Die die da waren, hatten Mühe aus der Region rauszukommen. Autofahrer müssen mindestens 4 Stunden an JEDER Ortschaft warten. Mein carrito und mich lässt man jedoch immer sofort durch.
Heute kam der Energieminister und alle hofften auf eine schnelle Lösung und die damit verbundene Beendigung der Einschränkungen. Doch nachdem der erst einmal die harte Tour versuchte und wenig Kompromissbereitschaft zeigte, kann sich der Konflikt noch weiter verschärfen. Morgen soll es mit den Gesprächen weitergehen. Mehr zum Thema

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Chiloè y el otro Chile

Es sind bereits einige Tage vergangen seit meinem letzten Eintrag und ich bekomme die ersten Mails mit der Nachfrage, ob alles in Ordnung sei. Da ich keinen Internetzugang hatte, war es mir nicht mehr möglich zu schreiben.

Ja es ist alles gut, sehr gut, sehr schön aber manchmal auch sehr, sehr nass.

Nach der wunderschönen Pinguinbucht an der Westseite der Insel Chiloès bin ich im Osten an der Küste lang gelaufen. Wie das immer so ist, erwartet man tolle Straßen direkt am Wasser entlang, wenn die Straße auf der Karte scheinbar förmlich am Meer vorbeirauscht. Tatsächlich war es wieder einmal eine staubige Erfahrung und ist deshalb nicht weiter erwähnenswert.

In dem kleinen Ort Quemchi hinter den den höchsten Anstiegen, die ich bisher hatte, obwohl ich dachte, dass es kaum noch steiler ginge, habe ich drei wundervolle Menschen kennengelernt und mit ihnen eine schöne Zeit mit langen Gesprächen verbracht. Zum einen mit Luba, einer jungen französischen Dokumentarfilmerin, die häufig in Argentinien und Chile arbeitet, mit der ich mich viel über die Filmerei austauschen konnte und zum anderen mit Rodrigo und Paula, einem prachtvollen Chilenenlehrerpaar, das mir sehr viel über ihr Land erzählte. Da es von nun an dauerhaft regnen sollte, mussten wir uns irgendwann in die Bibliothek oder ein Café zurückziehen, konnten so aber endlos schwatzen.

Der erste Monat war bisher sehr sonnig und fast regenfrei verlaufen, doch wurde mir schnell klar, dass ich mir passendere Kleidung für den Dauerregen besorgen musste. Deshalb bin ich nach Castro, der Hauptstadt Chiloès, aufgebrochen, um regenfestes Schuhwerk und einen Regenponcho zu kaufen. Nach vielem Suchen hat das dann auch geklappt.

Castro ist bekannt durch die Palafitos = Pfahlbauten, die ich zuerst auf einer Bootsfahrt, die ein kleiner Junge professionell moderierte und später dann an Land bestaunen durfte. Die Unterschiede der Bauten könnten nicht krasser sein. Einige sind von der Bausubstanz und der Dekoration her sehr reich und schön, viele andere arm und kurz vor dem Verfall.

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In Castro fand gerade das alljährliche Folklorefest Al Costumbre statt. Die Handwerker zeigten ihre Künste, die Köche boten ihre Köstlichkeiten dar und es gab sehr viel Folklore aus allen Teilen des Landes vor allem aber aus Chiloè. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal eine ganze Nacht mit Folkloretänzen und -gesängen verbringen würde, doch hat mich die Freude der Chilenen auf der Bühne, vor allem aber auch bei den Besuchern sichtlich beeindruckt und mir viel Spaß bereitet.

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Von Chiloè sollte es dann per Schiff weiter nach Puerto Chacbuco gehen. Die Arbeiter dort haben jedoch Hafen, Flugplatz und Straßen in ihrer Hand, um auf ihre schlechten Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen, so dass kein Durchkommen möglich ist. Deshalb bin ich in das nördlich gelegene Chaitèn gefahren und kann nur hoffen, dass sich das Problem bis zu meiner Ankunft erledigt hat.

Nach der Ankunft vor der Fährstelle von Chaitèn blieben uns vier Stunden, um auf einen höheren Wasserstand zu warten, genug Zeit, die atemberaubende Morgenkulisse zu genießen.

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Ja es gab viel Schönes bisher auf der Reise, auch die Landschaft hat sich immer wieder etwas verändert, doch was mich hier nach meiner Ankunft erwartete, war ein Naturschock, ein gewaltiges pralles, saftig grünes Land, das ganz anders ist als alles andere bisher Gesehene. Das Land ist anders, aber auch die Menschen. Aquì es un otro Chile – das ist ein anderes Chile, wie eine Frau vor ein paar Tagen zu mir sagte. Das ist es in der Tat. Es ist rauher, entlegener, die Abstände zwischen den Orten werden immer größer, die Natur beherrscht das Leben. Reißende Ströme, die aus den Bergen herunterschießen, zerstören die Straßen und die Chilenen bauen die berühmte Carretera Austral immer wieder auf.

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Ein Vulkanausbruch vor zwei Jahren hat halb Chaiten zerstört. Die Menschen sind geflohen und kehren nun nach und nach in ihre Heimat zurück.

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Ich habe mir etwas Zeit genommen und bin zum Vulkan hinauf gestiegen, bin im strömenden Regen pitschnass durch Waldpfade gepilgert, die mir wie das Land der Hobbits schienen.

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Viele junge Rucksacktouristen, vor allem Chilenen, aber auch Europäer, Motorradfahrer und schwer bepackte Fahrradfahrer ziehen über die Straße. Außer den Baufahrzeugen gibt es kaum Verkehr. Scheinbar bin ich der Einzige, der zu Fuß unterwegs ist.

Gestern wurde ich in einer Herberge sofort erkannt. „he, ich kenn dich, du bist doch der mit dem carrito (Wägelchen), ich hab dich vor zwei Wochen auf der Straße gesehen und auch ein Foto von dir“.

Bisher verläuft die Carretera Austral fast schnurgerade durch die Berge, auf deren Gipfel der Schnee in der Sonne schimmert. Immer nur zu schreiben, wie gerade die Straßenverhältnisse sind, ist für viele sicher langweilig, doch das ist es, was mich tagtäglich umtreibt, wenn ich vorwärts stapfe, fast gar nichts mehr geht, ich im Geröll oder Schlamm steckenbleibe oder wie gestern auf einer frisch asphaltierten Strecke den Berg hinunter rolle und mir dabei sogar noch Zeit zum filmen bleibt.

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Pom Pom – wofür eigentlich ?

Die letzten beiden Tage waren einfach nur lang, anstrengend und staubig.

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Um der eintönigen Schnellstraße auszuweichen, blieb nur die Alternative an der Ostküste entlang, auf den Schotterpisten zu laufen. Manche Abschnitte sind relativ unbefahren, andere dagegen überhaupt nicht. Wer einmal in einer Staubwolke stand, wird nachvollziehen können, wie es sich anfühlt, wenn am Morgen oder zum Feierabend die Ortsansässigen zur Arbeit oder nach Hause brausen, einen dabei in Staub einhüllen und dabei noch freundlich zuwinken.

Irgendwann hat man einfach die Nase im wahrsten Sinne gestrichen voll.

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Gestern waren es knapp 60 Kilometer und wenn man dann so läuft und läuft, kommen einem so manche Gedanken in den Sinn, man wundert sich, warum die Häuser so oder so gebaut sind, wovon die Menschen hier so leben und vieles mehr.

Heute habe ich gesehen, wie in einigen Plastikzelten irgendein Kraut getrocknet wird. Also hab ich gefragt, was das sei. Pom Pom war die Antwort, wozu das aber gebraucht wird, wüssten sie nicht. Das gäbe es nur hier auf Chiloè, außerdem in einer weiteren Region Chiles und wird nach Japan sowie in die USA exportiert.

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Auch die anderen Pom Pom-Produzenten wussten nicht mehr.

Schlauer war da schon Pepe, ein Kunsthandwerker, der mir erzählte, das Pom Pom ein Torfmoos sei, das man für Ökowindeln, zur Dämmung und vieles mehr nutzen könne, dass aber durch den rabiaten Abbau des Torfmooses in Chiloè in manchen Gebieten zu Wasserknappheit führt.

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In der Tat fuhren ständig Feuerwehrlöschwagen hin und her, um das Wasser zu transportieren, wobei sie jedesmal ihre Sirene anwarfen, bevor sie mich in Staub einhüllten.

Magenspülung und frischer Atem

Nein nein keine Angst, jetzt kommt nichts Schlimmes.

Die Wasserblase im Rucksack muss ab und gereinigt werden. Deshalb bin ich vor einigen Tagen in eine Apotheke gegangenen, um mir das nötige Reinigungsmittel zu besorgen. Da ich den Tipp bekommen hatte, es am besten mit Corega Tabs zu versuchen, habe ich danach in der Pharmacia gefragt. Nach erstem Schmunzeln, es war ziemlich belebt an diesem Tag im Geschäft, entbrannte eine heftige Diskussion, ob Zahnreiniger für dritte Zähne das Passende sei. Eine Frau hat mich ziemlich bestimmt in die Mundwasserabteilung gezogen und meinte, dass nur das die Lösung wäre. Letztendlich war der Preis ausschlaggebend und ich habe eine Riesenflasche Mundwasser gekauft.

Das Ergebnis ist, dass ich seit ca. 4 Tagen nur noch den typischen Zahnarztgeschmack im Mund habe. Trotz vieler Spülungen vorweg und etlichen Wasserfüllungen danach, hat sich Geruch und Geschmack im Wassersack festgesetzt, seine Aufgabe die Bakterien abzutöten hoffentlich erfüllt und vielleicht sogar dem Magen eine Rundumerneuerung verpasst.

Pinguine

Die erste Stadt auf Chiloè ist Ancud, die mir sehr gut gefiel.

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„Wenn Du nach Chiloè gehst, schau Dir unbedingt die Pinguine an“. Das habe ich heute gemacht. Es war einfach, ein paradiesischer Strand, kleine Strandbars, Fischerboote und blaugrünes Meer, was will man mehr. Per Boot ging’s hinaus zu den Pinguinkolonien. Magellan- UND! Humboldtspezien sind hier anzutreffen, aber auch Kormorane, die ich oft in Mexiko bei 25-30 Meter Wassertiefe bewundert habe. Dazu eine sagenhafte Felslandschaft, die ihres gleichen sucht.

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Zum Abschluss gab es „el loco“ ( der Verrückte) ein chilenisches Nationalgericht, Fleischrollen mit Kartoffeln, Blattsalat, Zitrone und Salz. Was auch immer ich da gegessen habe, egal, es war lecker.

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Das letzte Erdbeben hat diese Felsformation geschaffen, die stark an einen Bären erinnert.

Meilenstein

Ein Monat ist nun fast um und damit ein Drittel der geplanten Zeit vorbei. Die Zeit verging gerade in den letzten 2 Wochen sehr viel schneller als am Anfang. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht wusste, ob ich die Reise vorzeitig beenden müsste, da meine beiden jüngeren Kinder wegen eines Krankenhausaufenthalts ihrer Mama betreut werden mussten. Also habe ich im Tempo zugelegt, um noch soviel wie möglich zu sehen. Die Omas und älteren Geschwister sind jedoch eingesprungen. Nun sieht es erst einmal so aus, als wenn es weitergehen könnte.

Obwohl es schwierig ist, eine Strecke vorweg zu planen, um so mehr zu Fuß, hat es ziemlich genau gepasst. Puerto Montt war das Ziel für den ersten Monat und vor zwei Tagen habe ich diese Stadt durchquert. Damit sind insgesamt ca. 1.350 Kilometer mit dem Abstecher zur Küste und durch das Landesinnere zurückgelegt. Zieht man 350, zum Teil unfreiwillig gefahrene Kilometer ab, bleiben 1000 Kilometer zu Fuß, davon wiederum etwa ein Viertel per Skates. Mehr war bei der bergigen Strecke und den teilweise sehr schlechten Straßen nicht möglich.

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Kilometermarkierungen finden sich an Zäunen, Häusern und Haltestellen

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oder direkt auf der Straße

Viel oder wenig? Ziel dieser Reise ist es nicht, so viel wie möglich Kilometer zu bewältigen. Klar nagt es am Ehrgeiz, wenn man von anderen Rucksacktouristen hört, welche Entfernungen diese zurücklegen, wie sie vom südlichen Ende der Welt nordwärts jagen, fliegen, trampen oder mit dem Auto fahren und nebenbei noch alle Sehenswürdigkeiten abhaken.

Mein Tempo ist anders. Da mein Alltag durch das Laufen, dem Suchen nach Unterkunftsplätzen und Wasser/Verpflegung bestimmt ist, bleibt nicht viel Zeit für Ausflüge und Sehenswürdigkeiten und so laufe ich sicher an vielem vorbei. Mal sehen, ob ich das im zweiten Abschnitt besser machen kann.

Die Strecke von Frutillar, über Llanquihue nach Puerto Varas and Küste entlang war sehr schön. Die Industriestadt Puerto Montt habe ich einfach nur durchquert.

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Fischfarm auf dem Lago de Llanguihue

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Puerto Montt

Auf dem Weg Weg zum Fährort Pargua bin ich gut 60 Kilometer auf der Panamericana gelaufen, die hier eher Landstraßencharakter hat. Baustellen und LKW-Verkehr haben nicht zum Laufspaß beigetragen, doch wäre der Weg sonst unverhältnismäßig viel länger geworden.

Nun bin ich auf Chiloé, der zweitgrößten Insel Chiles, ein Muss für die Besucher des Landes, sagen alle. Ich lass mich überraschen.